Dampferzeuger-Heizrohrleck: Ungesteuerte Kettenreaktion in Reaktoren möglich?

Wie der Spiegel berichtete, fehlen heute möglicherweise Sicherheitsnachweise dafür, dass bei einem Dampferzeuger-Heizrohrleck in den sogenannten Druckwasserreaktoren keine ungesteuerte Kettenreaktion auftreten kann. Bei dem betrachteten Szenario kann bei einem Leck im Dampferzeuger eine größere Menge unborierten Wassers als bislang angenommen vom Sekundärkreislauf in den Primärkreislauf eindringen und das borierte Wasser zwischen den Brennstäben teilweise verdrängen. Dadurch werden die Neutronen – wegen des fehlenden chemischen Wasserzusatzes von Bor – in diesen Bereichen nicht mehr in  ausreichendem Maße eingefangen. Diese Neutronen können neue Atomkerne spalten und eine ungewollte nicht gesteuerte Kettenreaktion in Gang setzen.

 

Über die Folgen einer solchen Reaktion – die intensiv oder schwach, die nur kurzfristig oder in Schwingungen verlaufen kann  kann man ohne konkrete weitere Berechnungen keine Aussage machen. Jede ungesteuerte Kettenreaktion birgt die Gefahr, dass die erzeugte Wärme zu Folgeschäden im Reaktorkern führt mit wiederum weiteren Folgeschäden und die Anlage auch durch möglicherweise falsche betrieblichen Eingriffe in einen unkontrollierten Zustand gerät. Aus diesem Grund muss ein solcher Zustand, der nach einem Leck im Dampferzeuger auftreten kann,  nach den geltenden Sicherheitsvorschriften von vornherein zuverlässig verhindert werden. Diesem Zweck soll die jetzt einzuleitende Prüfung dienen. Der Druckwasserreaktor ist der verbreitetste Reaktortyp weltweit. Falls sich die Befürchtungen bestätigen, dass das beschriebene Szenario nicht durch Sicherheitsnachweise ausgeschlossen ist, können alle Druckwasserreaktoren weltweit davon betroffen sein.

 

Entgegen den Darstellungen im Spiegel-Artikel gibt es keine Abschätzung darüber, welche Wahrscheinlichkeit dieses dargestellte Szenario hat. Insbesondere hat Prof. Wolfgang Renneberg nicht behauptet, dass der beschriebene Fall häufiger auftreten könne als andere Störfälle. Darüber hinaus ist eine atombombengleiche Explosion im Reaktor auf Grund seines Konstruktionsprinzips äußerst unwahrscheinlich. Sobald die Hitze zu Dampfblasen führt, die das flüssige Wasser zwischen den Brennstäben verdrängen, wird die die nukleare Kettenreaktion unterbrochen. Gleichwohl können die beschriebenen Abläufe zum Verbiegen und zu einer massiven Zerstörung von Brennstäben mit Freisetzung von Brennstoff im Reaktordruckbehälter und zu einem unkontrollierten Unfallablauf führen.

 

 

 

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Das Risiko eines Dampferzeuger-Heizrohrlecks wird in den aktuellen Betriebshandbüchern in Kernkraftwerken nicht berücksichtigt. Das heißt: Im Notfall gibt es für das Personal keine Anweisungen, was es in einem solchen Fall zu tun hat. Schlimmer noch: Derzeit werden die Anlagen in diesem Punkt sogar falsch beschrieben, was zu gravierenden Fehlhandlungen des Personals führen kann.
Wegen des hohen Risikos dieses postulierten Störfalls sind dringend weitere Untersuchungen sowie die Umsetzung der hieraus resultierenden Konsequenzen notwendig.
DEHL-Szenario-Beschr_140324.pdf
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Aktuell

Spiegel-Bericht zu ungesteuerter Kettenreaktion

Kann es bei einem Leck im Dampferzeuger-Heizrohr zu einer ungesteuerten Kettenreaktion in Reaktoren kommen? Darüber berichtet der Spiegel - zum Teil allerdings fehlerhaft.

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